Spannende Tätigkeiten jenseits von Praxis und Amt – das Berufsbild des Industrietierarztes in der chemischen Industrie

Die Fachgemeinschaft der Industrietierärzte (FIT) setzt sich seit über 30 Jahren für Tierärzte/Tierärztinnen ein, die außerhalb der klassischen kurativen Praxis oder des öffentlichen Dienstes in der freien Wirtschaft tätig sind. Unser Ziel ist es, die Sichtbarkeit dieses vielfältigen Berufsbildes zu stärken, Austausch zu ermöglichen und berufspolitisch mitzugestalten.

In der heutigen Ausgabe möchten wir das spannende Tätigkeitsspektrum des Tierarztes/der Tierärztin in der Chemischen Industrie im Detail vorstellen. Den Tätigkeitsbereich eines Tierarztes/einer Tierärztin in der Pharmaindustrie (Human und Veterinärpharmaindustrie), wichtiger Teil der Chemischen Industrie, werden wir gesondert vorstellen.

Die chemische Industrie stellt eine Vielzahl von Produkten her, die in nahezu allen Lebensbereichen eine Rolle spielen. Dazu gehören Basischemikalien, Kunststoffe, Düngemittel, Pflanzenschutzmittel, Farbstoffe, Lacke sowie Wasch- und Reinigungsmittel, Inhaltsstoffe für Ernährung und Kosmetik und Spezialchemikalien für die Bau- und Autoindustrie. Die Gesetzeslandschaft für die Herstellung, Umgang und Inverkehrbringen der unterschiedlichen Chemikalien in Europa ist sehr divers (z.B. REACH für Chemikalien, EG-VO 1107/2009 für Pestizide), und die Anforderungsprofile an die Datenpakete für eine (Wieder)-zulassung steigen kontinuierlich an.

Tierärzte/Tierärztinnen sind bereits in der frühen Phase der Entwicklung von neuen Chemikalien eingebunden und leisten einen wichtigen Beitrag bis zu (Wieder)-zulassung von Chemikalien bei den Behörden. Ihnen obliegt die Durchführung von gesetzlich vorgeschriebenen bzw. zuvor genehmigten Tierversuchen mit dem Blick auf Tierschutz und Datenintegrität (z.B. Gute Laborpraxis). Tierärzte/Tierärztinnen unterstützen bei der Bewertung von den Studien, bei der Interpretation und Erstellung (öko-)toxikologischer Dossiers, sowie der Ableitung sicherer Expositionsgrenzwerte für Mensch und Umwelt. Sie analysieren die sekundären Einflüsse auf Nicht-Zielorganismen wie Vögel, Fische, Pflanzen, Invertebraten/Arthropoden und Wildsäugetiere.

Ihre Fachkenntnisse in tierartübergreifender Physiologie, Biochemie sowie Pharmakologie und Toxikologie sind essenziell bei der Bewertung von chemischen Stoffen. Sie qualifiziert besonders Tätigkeiten in der Risiko- und Sicherheitsbewertung von Mensch, Tier und Umwelt, die für gesetzliche Zulassungsverfahren unerlässlich sind.

Das wissenschaftliche Feld der Toxikologie entwickelt sich rasend schnell weiter. In der Vergangenheit erfolgte die Bewertung von toxikologischen Effekten, beobachtet in verschiedenen Tierspezies mit unterschiedlichem Studiendesign, vorwiegend deskriptiv. Die Bewertung wird nun vermehrt unterstützt bzw. abgelöst durch die Generierung und Einbindung von Daten zur Wirkungsweise der Chemikalie in der Zelle bzw. ihren Subfraktionen (z.B. Mitochondrien), im Organ, im gesamten Organismus bzw. der Population. Neue Methoden (z.B. omics-Technologien, in silico/in vitro Methoden) steigern die Datenmenge und -tiefe und erlauben auch ein besseres Verständnis der Einfluss der Chemikalien auf Mensch, Tier und Umwelt.

Diese neuen Konzepte und Technologien sind auch Basis für neue Methoden, die als Ersatz langfristig für Tierversuche eingesetzt werden könnten.  Für die Entwicklung dieser neuen Methoden („New approach methodologies“) wird noch viel Forschung in den nächsten Jahren benötigt werden, um robuste, reproduzierbare und relevante Test-Strategien gemeinsam mit Universitäten, Industrie und Behörden erfolgreich weiter zu entwickeln. Eine nachgelagerte Anpassung der regulatorischen Anforderungen an die Herstellung, Umgang und Inverkehrbringen von Chemikalien ist zu erwarten.

Aufgrund ihrer breiten und fundierten Ausbildung oft mit Blick auf einen pragmatischen Lösungsansatz leisten Tierärzte einen wichtigen Beitrag zur sicheren Anwendung chemischer Produkte und zum Schutz von Mensch, Tier und Umwelt im Rahmen gesetzlicher Vorgaben.

Autor: Dr. Barbara Birk

Veröffentlicht im Deutschen Tierärzteblatt 11/2025