Serie zum Berufsbild von Industrietierärzt:innen Tierärzt:innen in der Versicherungswirtschaft – ein Bereich mit großem Wachstumspotential

Die Fachgemeinschaft der Industrietierärzte (FIT) setzt sich seit über 30 Jahren für Tierärztinnen und Tierärzte ein, die jenseits von kurativer Praxis und öffentlichem Dienst in der freien Wirtschaft tätig sind – dazu gehören auch Kolleg:innen, die hauptberuflich in der Versicherungswirtschaft arbeiten.

Die Versicherungsbranche ist ein Bereich, in dem sicher nicht sofort Tierärzt:innen vermutet werden. Veterinärmedizinische Expertise einschließlich Praxiserfahrung wird dort allerdings gerne gesehen und auch durchaus benötigt, sie ist gemessen an der Zahl dort bereits tätiger Tierärzt:innen aber weiterhin eher unterrepräsentiert. Durch den wachsenden Markt und die steigende Nachfrage nach Tierkrankenversicherungen in den letzten Jahren hat sich vor allem in diesem Segment ein spannendes und immer vielfältiger werdendes Tätigkeitsangebot eröffnet.

Eine zentrale Funktion ist hierbei das Produktmanagement. Als Produktmanager:in stellt man eine Schnittstelle zwischen allen an Produktentwicklung, -einführung und -betreuung beteiligten Abteilungen und Verantwortlichen dar. Darüber hinaus eröffnen sich Tätigkeitsschwerpunkte im Marketing und in der Vertriebsförderung. Aber auch Funktionen in der Schadensachbearbeitung werden in zunehmendem Maße von Personen mit tiermedizinischem Hintergrund eingenommen, seien es Tiermedizinische Fachangestellte oder auch direkt Tierärzt:innen.

In allen Bereichen rund um die Tierkrankenversicherung kann und wird mittlerweile in hohem Maße auf die die Expertise von praxiserprobten Kolleg:innen gesetzt, da ein tiefergehendes Verständnis für tiermedizinische Sachverhalte benötigt wird: Seien es die Praxisabläufe einschließlich der Abrechnung nach GOT oder auch die sehr gute Kenntnis von Zielgruppe und deren Bedürfnissen. Denn wer über eine Tierkrankenversicherung verfügt, ist ja gleichzeitig immer auch Patientenbesitzer. Dies erhöht den generellen Bedarf an spezialisierten und somit eben auch branchenfremd ausgebildeten Mitarbeiter:innen, die nicht nur über reines Versicherungswissen verfügen.

Je nach Aufgabenschwerpunkt spielt sich der Großteil der Arbeit am PC ab und über die fachliche Qualifikation hinaus sind auch ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten von Vorteil. Neben der Kommunikation innerhalb des Unternehmens sind zentrale Bestandteile die schriftliche und mündliche Korrespondenz mit Vermittlern, Kunden und (vor allem im Bereich der Bearbeitung von Leistungsfällen) natürlich auch tierärztlichen Kolleg:innen. Dies setzt neben guten rhetorischen Fähigkeiten sowohl profunde tiermedizinische als auch versicherungsrechtliche Kenntnisse voraus. Moderne Arbeitsmethoden und der zunehmende Grad an Digitalisierung ermöglichen zumeist außerdem eine sehr gute Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Weitere Tätigkeitsschwerpunkte können Vertriebsförderung und Produktschulungen sein, ebenso die Teilnahme an Fachmessen und ähnlichen Veranstaltungen sowie der Austausch und die Zusammenarbeit mit Versicherungsmaklern und anderen Dienstleistern.

Inhaltlich ergeben sich natürlich auch Schnittmengen mit anderen Bereichen, die über die genannten hinausgehen und in denen Versicherungsprodukte hilfreich und notwendig sind. Diesbezüglich sind Themen wie die Berufshaftpflicht- oder auch die Betriebsausfallversicherung zu nennen, die sowohl für Tierärzte mit eigener Praxis als auch z.B. landwirtschaftliche Betriebe relevant sind. Für letztere wiederum können dann auch eher unbekannte Produkte wie beispielsweise die Tierertragsschaden-Versicherung als Absicherung gegen tierseuchenbedingte Produktionsausfälle eine Rolle spielen.

Der Quereinstieg als Tierarzt in die Finanz- und Versicherungswelt kann aber auch auf anderen Wegen erfolgen. So ist zum Beispiel auch eine Tätigkeit als Berater für akademische Heilberufler möglich, in deren Rahmen die private und berufliche Absicherung der Standeskollegen ebenso eine Rolle spielt, wie die Themen Altersvorsorge, Existenzgründung und Praxismanagement. Hier bietet sich eine attraktive Alternative für Kolleg:innen, die gerne beruflich selbständig sein möchten, dies aber eben nicht in eigener Praxis.

In allen Fällen erweist sich berufliche Erfahrung aus der tierärztlichen Praxis für einen Wechsel bzw. Quereinstieg in die Versicherungswelt als hilfreich, stellt aber keine zwingende Voraussetzung dar. Ebenso kann eine eher vertrieblich ausgerichtete Motivation bei einem Wechsel in diese Branche förderlich sein. Selbst wenn die Tierkrankenversicherung sich hier weiterhin als größter Themenkomplex mit dem stärksten Praxisbezug erweist, bietet die Versicherungs- und Finanzbranche mittlerweile verschiedenste Einstiegsmöglichkeiten für Tierärzt:innen. Wer keine Berührungsängste angesichts einer Branche hat, die man zweifellos nicht sofort mit Tiermedizin in Verbindung bringt, dem eröffnen sich vor allem im Segment der Tierkrankenversicherung je nach Anforderungen des jeweiligen Unternehmens, vorhandener fachlicher Expertise und persönlicher Neigung zahlreiche spannende berufliche Möglichkeiten.

Autor: Dr. Christian Prachar